Wenn die Liebe geht
Diese Situation kennt Ihr bestimmt auch:![]()
Ein Paar in meinem Bekanntenkreis lebt schon seit mehreren Jahren unglücklich nebeneinander her.
Sie ist unglücklich, weil er sich zuwenig Zeit für sie und die beiden Kinder nimmt. Weil er lieber arbeitet oder seinem Hobby nachgeht, als etwas mit der Familie zu unternehmen. Er nimmt sie nicht mehr in den Arm, er küsst sie nur vor Fremden, unterhalten tun sie sich schon lange nicht mehr. Wenn überhaupt kommuniziert wird, dann endet das im Streit. Es wird geschrieen und gebrüllt. Es wird geweint und es hagelt Vorwürfe.
Er läuft weg, verschließt sich. Ist aber genauso unglücklich darüber, dass die Beziehung den Bach runter geht. Er fühlt sich vernachlässigt, weil alles immer nur um die Kinder geht. Er ist überfordert und gestresst im Job.
Ich glaube, so ein Paar kennt fast jeder heute. Manche sogar mehrere. Das ist nichts Ungewöhnliches in der heutigen Zeit, wo die Scheidungsrate in Deutschland inzwischen bei über 50 % liegt.
Was ist da passiert? Wo ist die Liebe der Anfangszeit?
Wenn wir uns verlieben, gleicht das meist einem Ausnahmezustand. Wir begegnen uns, finden uns attraktiv, bezaubernd, anziehend, faszinierend. Wir haben Herzklopfen bis zum Hals, Schmetterlinge im Bauch und die ganze Welt ist rosa – kurz: Wir sind verliebt! Unsere Gedanken kreisen nur noch um das Objekt der Begierde, wir freuen uns schon auf das nächste Wiedersehen und schmieden eifrig Zukunftspläne.
Wir glauben, dass dieses Gefühl ewig bleibt, und dass wir den Mann oder die Frau unserer Träume gefunden haben. Wir werden immer so glücklich und verliebt sein, wie am ersten Tag.
Doch wie lange hält dieser Zustand wirklich an?
Im Grunde nur so lange, wie uns der Partner fasziniert, alles neu und unbeschreiblich ist und es vieles zu entdecken gibt. So lange, wie der Partner uns „unterhalten“ kann – er unsere ungeteilte Aufmerksamkeit weckt.
Und was kommt danach?
Wir stellen fest, dass diese „Hollywood-Liebe“ im Alltag keinen Bestand hat. Wir merken, dass die Illusion sich auflöst. Das ist traurig, wir sind enttäuscht.
Aber gleichzeitig ist genau das die Chance, den Menschen, für den wir uns da entschieden haben, als ganzes wahrzunehmen, mit allen seinen Eigenschaften. Wir sehen seine Schwächen, seine Ängste, seine Schmerzen. Nicht nur die „Schokoladenseite“, die uns unsere Verliebtheit vorgegaukelt hat.
Wir entdecken Seiten am Partner, die wir plötzlich gar nicht mehr so lustig finden, die wir nicht mögen, die wir sogar ablehnen.
Das erschreckt uns, und vielfach wird an diesem Punkt die gerade erst begonnene Beziehung beendet. Bleiben wir dennoch zusammen, ist dies sehr oft von dem Wunsch oder der Erwartung begleitet, der Andere werde sich schon noch ändern. Und damit ist es eigentlich schon der Anfang vom Ende.
Wir begegnen uns in der Beziehung jeden Tag mit einem Veränderungswunsch. Der Partner soll dies nicht tun, dafür aber etwas anderes öfter. Er soll sich so und so verhalten, aber diese Eigenart gefälligst sein lassen. Damit beschäftigen wir uns immer mehr. Gerade Frauen neigen dazu, auch noch vom Partner zu verlangen, dass er ihre Wünsche diesbezüglich errät – ihr von den Augen abliest. „Wenn er mich wirklich lieben würde, würde er…“ – diese Aussagen kennen wir alle.
Oft schaukelt sich das so sehr hoch, dass wir nur noch über Vorwürfen und über Forderungen miteinander reden.
Wenn niemand die Bremse zieht, ist das Ergebnis: Geschrei, Gezanke, Wutanfälle, Hilflosigkeit, Schuldzuweisungen und gegenseitige Vorhaltungen.
Dies kann sich über Jahre hinziehen. Wir leben in der Hoffnung, dass der andere sich doch irgendwann wieder ändert und alles so wird, wie am Anfang. Dass dies ein frommer Wunsch ist, sehen wir oft erst nach langer Zeit ein. Leider ist es dann meist zu spät, noch etwas zu ändern.
Dabei ist es oft schon so, dass am Anfang einer Beziehung, die Lebenskonzepte nicht miteinander übereingestimmt haben. In unserer Euphorie und in unserem Rausch der Verliebtheit haben wir das nur übersehen. In der romantischen Stimmung des Verliebtseins fällt es kaum jemandem ein, wirklich ehrlich über seine Vorstellungen einer Beziehung zu reden. Sei es aus Angst, den Partner zu verlieren – oder, weil wir selbst gar nicht genau wissen, was wir uns von einem Partner wünschen.
Meist gehen wir mit vorgefertigten, anerzogenen Konzepten an eine Beziehung heran, die uns gar nicht bewusst sind. Wir gehen automatisch davon aus, dass eine optimale Beziehung so ist, wie die (oft kindlich idealisierte) Beziehung der Eltern war. In Kinderaugen war diese Ehe einfach perfekt. Oder wir wollen es absolut anders machen, als unsere Eltern – weil die sich getrennt haben, als wir klein waren. Dann möchten wir die ideale Familie, die wir in unserer Kindheit nie hatten, selbst darstellen.
Schade, dass nicht mehr Paare eine Paarberatung aufsuchen.
Dort könnte man diese Muster aufdecken und aufbrechen, wenn nötig. Aus Scham, Stolz oder Trotz nehmen viele Paare diese Möglichkeit gar nicht in Anspruch. Sie glauben, das schon selbst wieder hinzubekommen. Manchmal ist es auch so, dass einer der Partner nicht mit will, der andere aber schon gerne eine Beratung hätte. Das geht! Ja, eine Eheberatung kann man auch allein machen – um selbst einen klareren Blick zu bekommen.
Hier geht es dann nicht darum, einen Schuldigen zu finden, sondern klar zu machen, welche Positionen beide Partner beziehen. Was sie von einer Beziehung erwarten, was sie sich wünschen. Nicht vom anderen, sondern für sich selbst.
Es gibt bei Krisen keinen Schuldigen – niemand hat mehr zu dem Dilemma beigetragen, als der Andere. Es geht darum, Gemeinsamkeiten und Unterschiede herauszuarbeiten und zu entdecken, wo und wie sich diese vereinbaren lassen. Es geht darum, Kompromisse zu finden.
Und manchmal ist das Ergebnis einer Paarberatung auch, dass es kein gemeinsames Leben mehr gibt. Dann verhilft diese aber zu einer geordneten Trennung – ohne Rosenkrieg, mit einem aufgeräumten Kampfplatz.
Damit danach Freundschaft bleibt und nicht bloß Hass!
Foto: © Sommaruga Fabio / PIXELIO www.pixelio.de
Tags: Familie, Glück, Kinder, Liebe, Wissen
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